Beobachtungen und Ideen von Padmanabha Dasa alias Peter Binder Knott (1946-2010)
Natürlich sind wir alle besorgt darüber, was mit unserer Bewegung los ist. Ich möchte hier einige Ideen präsentieren, die natürlich in erster Linie zu Kategorie „subjektives Denken“ gehören, das heißt nicht alles wird hier mit Zitaten aus den Vedischen Schriften unterstützt. Ich werde nur ein paar Beobachtungen machen und meine Erwartungen für die Zukunft offenbaren.
Die Vergangenheit:
Eine extreme Betonung auf das Gemeinsame prägte die Vergangenheit – eigentlich eine Überbetonung, sogar auf Kosten der Individualität. Das Positive dabei war in erster Linie die Verbreitung des Krishna-Bewusstseins. Die Verteilung der Bücher Srila Prabhupadas stand an erster Stelle und gab somit dem Individuum die besondere Möglichkeit, sich mit einer Mission zu identifizieren – mit etwas, das größer ist als man selbst. Das Negative dabei war die Vernachlässigung der Bedürfnisse des Individuums. Wir haben in unserem Enthusiasmus sogar die Anweisungen der Bhagavad-gita ignoriert. Man würde denken, das wäre unmöglich – unser Hauptbuch, unser Lieblingsbuch, welches wir jeden Tag lesen und versuchen, auswendig zu lernen – dieses Buch ignorieren? Ja, leider.
Was habe ich ignoriert: Ich habe Krishnas Anweisung an Arjuna ignoriert, nämlich die eigene Natur zu entfalten und eine entsprechende Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen.
Wie ich das ignorieren konnte? Die Antwort darauf liegt natürlich auch in der Bhagavad-gita: die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur. In meinem Fall Leidenschaft und Unwissenheit – eine gefährliche Kombination, die dazu führt, dass ich meine eigene Natur nicht akzeptieren will, sondern etwas „besseres“ sein möchte. Der Witz dabei ist natürlich, dass Krishna zu dienen bereits „das Beste“ ist! Aber es war eben so, dass ich nicht zufrieden war, „nur“ meine Energie Krishna zu geben, und dachte, ich müsste „mehr“ tun. Natürlich kann man nicht mehr geben als man hat. Somit war das Mehr-Denken eine Illusion, mit anderen Worten, ich war in maya.
Maya bedeutet, man will etwas anderes als Krishna. Komisch! Da stand ich nun, bereit alle möglichen Dienste zu leisten, bereit, alle mögliche Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen und sogar bereit, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ich nicht ausstehen konnte. Warum? Nicht um Krishnas Diener zu sein, sondern um als Krishnas Diener bekannt zu sein. Oder anders ausgedrückt, die eigene Unreife hat eine Situation geschaffen, in der ich bereit war, meine eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, um eben diese Art der Anerkennung zu bekommen: Die anderen halten mich tatsächlich für einen Gottgeweihten!
Ich habe sogar manchmal diese Anerkennung bekommen. Ich und meine Freunde haben uns gegenseitig unterstützt in der Illusion, wir wären alle einzigartige Gottgeweihte. Trotzdem hat es viel Schmerz mit sich gebracht, und das bringt uns in die Gegenwart.
Die Gegenwart:
Jetzt, durch den Schmerz, den ich erfahren habe, wache ich langsam auf und verstehe, dass es mit dem Vaishnava-Werden [Heilig-Werden] nicht so schnell geht. Ich verstehe durch diese unmittelbare Erfahrung, dass die Bhagavad-gita tatsächlich Recht hat (eine nicht zu unterschätzende Erfahrung). Spezifisch verstehen wir, dass zwei Personen frustriert werden, nämlich ich und Krishna. Erstens, ich selber bin durch meine eigene Handlung frustriert. Ich habe Energien in mir zum Schlafen gelegt, weil diese nicht zum höchsten Rang der Hingabe-Leiter gehörten.
Ich habe eine bestimmte Körper-Geist-Intelligenz-Mischung. Das bedeutet, ich habe bestimmte Bedürfnisse, bestimmte Neigungen und bestimmte Wünsche. Jeder Körper braucht etwas. Manche Körper brauchen einen Titel, manche brauchen viel Torte, manche brauchen sogar Tee oder Schokolade. Nicht jeder Körper braucht alles, aber jeder Körper braucht etwas. Und ich habe versucht, dieses Prinzip zu ignorieren. Nicht nur das, ich habe auch andere betrogen!
Ich habe bestimmte Körpermerkmale als etwas spirituelles präsentiert. Weil ich ein geduldiger Mensch bin, habe ich immer betont, wie geduldig die reinen Gottgeweihten sind. Natürlich war ich nicht der einzige, der das gemacht hat, und dieses Spiel wird immer noch kräftig gespielt. Aber das schlimmste Spiel ist „Mein Spiel ist besser als dein Spiel“. Der Drang nach Titel zum Beispiel scheint feinstofflicher zu sein, als der Drang nach Schokolade. So schauen die Titelsüchtigen herab auf die Schokoladesüchtigen. Beide sind vertieft in die eigenen Bedürfnisse, aber der eine denkt, er sei besser als der andere.
Doch sogar diese Tricks haben mich nicht zufrieden gestellt. Darüber hinaus habe ich langsam festgestellt, dass ich vielleicht auch Freunde bräuchte. So musste ich wieder der Bhagavad-gita Recht geben, und andere akzeptieren wie sie sind, ohne jemand wegen seines besonderen Karmas zu beurteilen. Jetzt habe ich also meine Natur akzeptiert und bin den anderen gegenüber sogar barmherziger geworden, besonders im Sinne, die Schwäche der anderen nicht mehr als meine Stärke zu betrachten.
Schmerz ist der beste Lehrer. Er ist nicht der einzige Lehrer, aber es ist jetzt Kali-Yuga, und deswegen ist er der wichtigste.
Viele andere haben scheinbar ähnliche Erfahrungen gemacht und jetzt machen wir den Schwung zur anderen Seite, nämlich die Betonung auf das Individuum. Scheinbar das Gegenteil von der Vergangenheit. In der Vergangenheit haben wir die ISKCON als Institution hervorgehoben – auf Kosten des Individuums. Gleichzeitig war für mich die Erfahrung jedoch notwendig. Die gegenwärtige Betonung auf das Individuum findet auf ähnliche Weise scheinbar auf Kosten der ISKCON statt. Tatsächlich haben die meisten Tempel und Zentren jetzt besondere Schwierigkeiten, sich zu erhalten, ganz zu schweigen sich zu erweitern. Doch jetzt müssen wir uns natürlich fragen: Was (oder wer) ist die ISKCON? Ist ISKCON die Institution, also die Projekte und Tempel? Das war die Definition in der Vergangenheit, als die Einheit überbetont wurde. Oder sind wir die ISKCON – du, sie, er und ich?
Die Zukunft:
Der Aufbau der Zukunft liegt im varnasrama-dharma. Wie oft hat unser Prabhupada darüber gesprochen? Wie nachdrücklich hat Krishna darüber gesprochen? Es ist jetzt höchste Zeit, uns richtig zu situieren, das heißt ein vernünftiges Leben zu führen und dies alles mit Krishna zu verbinden. Varnasrama-dharma. Nur das! Ich sehe eine viel zu unnötige Angst vor dem varnasrama-dharma. Man denkt, ich werde als etwas abgestempelt und dann muss ich etwas machen, was ich nicht will. Nein! Nein! Nein! Varnasrama-dharma ist etwas ganz persönliches. Jeder muss nur irgendwie herausfinden, was er am besten kann – fertig! Wenn wir uns alle danach richten, werden wir sehen, dass wir nach einige Zeit tatsächlich fähig sind, miteinander auszukommen und dass unsere Kinder ebenfalls miteinander auskommen. Dann (und erst dann!) können wir größere Projekte richtig aufbauen. Wir brauchen eine gesunde Gesellschaft, bevor wir eine Krishna-bewusste Gesellschaft werden können. Somit erreichen wir das Gleichgewicht, welches Srila Prabhupada die ganze Zeit schaffen wollte: die Synthese zwischen Individualität und Einheit, genannt acintya-bheda-abheda-tattva.
Jaya Sri Rama!
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Dieses Essay, den Padmanabha Dasa exklusiv für das GOUR-NI-TIMES Magazin geschrieben hat, stammt aus dem Jahr 2000. Schon damals machte sich der langjährige Tempelpriester tiefe Gedanken über die Zukunft der ISKCON und deren Mitglieder.
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Wir haben einen guten Freund verloren
Am vergangenen Freitag, den 05. März 2010 um 11 Uhr Vormittags hat Padmanabha Dasa (Peter Binder Knott), ein gelehrter Vaishnava, den wir oftmals in der Gemütsstimmung eines Rama-Bhaktas angetroffen haben, diese Welt verlassen.
Eine kurze Biografie über Padmanabha Dasa findet man auf unserer GOUR-NI-TIMES Website

